Hartmut Ulrich - Weblog

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Algorithmisierung

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7. November 2011

Was passieren könnte...

...wenn intelligente Programme den Mensch ablösen. Spannende Diskussion auf DRadio Wissen mit Miriam Meckel, Sascha Lobo, Konrad Lischka und Torben Brodt. Sendung "Die Macht der Maschinen" vom 4.11., hier direkt anhörbar als Podcast. Übrigens gibt es auch eine einleitende Sendung: "Zukunft der Überwachung"

17. October 2011

Der Zufall ist nicht kleinzurechnen

Ein Leben ohne Zufall ist langweilig - tödlich langweilig. Da hat Miriam Meckel Recht mit dem Ausgangspunkt für ihr Manifest. Ohne den Zufall gäbe es nur Vorherseh- und -berechenbares. Es wäre das Ende aller Hoffnung. Dass das Leben durch die Algorithmisierung im Internet berechenbar, vorhersagbar und damit eindimensional wird, diese These halte ich allerdings für ziemlich plakativ. An etwas Ähnlichem hat sich bereits Frank Schirrmacher abgearbeitet.

Das Leben ist nicht so simpel, dass es sich durch Algorithmen einfach so in die Zange nehmen ließe. In der Physik zum Beispiel gibt es Objekte, die sich gerade dadurch verändern, dass man sie beobachtet: Das Spiel ändert sich durchs Spielen. Vielleicht verhält es sich mit dem Leben ja ähnlich: Beim Versuch, es in Muster zu pressen, ergeben sich sofort neue, überraschende Wendungen, auch mit Algorithmisierung - oder gerade wegen ihr. Das Spiel der Zukunft lässt sich nicht mit den Spielregeln aus der Vergangenheit beurteilen. Man merkt nur nicht gleich, dass es  bereits ein neues ist - und darin liegt wohl der größte Anlass für Irrtümer.

Was zum Beispiel gerade an den Finanzmärkten passiert, wird durch Algorithmen, wenn nicht ausgelöst, so doch derart verstärkt, dass es bereits heute zu massiven Systemverwerfungen führt, über kurz oder lang vielleicht sogar zum Systembruch. Durch den Computerhandel und die damit verbundenen Programme (Algorithmen!) wurden die Märkte nicht nur nicht berechen- und vorhersehbarer, sondern ganz im Gegenteil weitaus volatiler und unkalkulierbarer als je zuvor in ihrer Geschichte. So sehr, dass sich die Mächtigen der Welt nun den Vorwurf gefallen lassen müssen, ihnen sei die Kontrolle entglitten. Längst reagiert die Börse scheinbar losgelöst von Fundamentaldaten, längst ist sie Metapher für das Unkalkulierbare per se.

Dabei bilden auch Unternehmen und deren Wertpapiere so etwas wie Persönlichkeiten und eignen sich deshalb gar nicht so schlecht für den Vergleich mit dem Einzelnen. Algorithmen haben jedenfalls zum völligen Gegenteil der Berechenbarkeit von Unternehmen geführt: Die Komplexität scheinbarer oder echter Zusammenhänge ist so hoch, dass kein Mensch sagen kann, ob Kursschwankungen die Folge unzähliger Einzeleffekte sind oder ob sie rein zufällig entstehen - übrigens einer der ältesten Streits an der Börse, zwischen den Glaubensrichtungen der Charttechniker und Fundamentaldatenapostel. Durch den Versuch von mehr Berechenbarkeit entsteht - das Gegenteil.

Aber zurück zum Menschen und dem, was Algorithmen mit seiner Persönlichkeit anzurichten drohen: In dem Moment, in dem der Einzelne bemerkt, dass Maschinen ihn in Schablonen zu pressen versuchen, kann er das Spiel beeinflussen. Ohnehin "funktioniert" der Mensch seit jeher nur sehr schlecht in Modellen und Simulationen: Er verhält sich einfach nicht so, wie er soll. Kaum glaubt die Suchmaschine ihn zu kennen, wird er plötzlich ein anderer. Interessiert sich für anderes. Tut Widersprüchliches. Frechheit! Für die Wirtschaftswissenschaften ist dieses scheinbar Irrationale ein zentraler Zankapfel, Anlass für "behavioral economy" und "behavioral finance", Forschungszweige, die genau diese menschliche Irrationalität näher untersuchen sollen.

Einflussnahme auf das Spiel kann freilich nichts mit Verweigerung oder Funkstille zu tun haben, sondern ganz im Gegenteil mit Bewusstmachen, mit Auseinandersetzung, mit Aktion. Für mich geht es dabei um die einzigartige Fähigkeit des Menschen, die ihn wohl auch in Zukunft jeder Maschine überlegen macht: Um Intuition, um jenen "gesunden Menschenverstand", der ihn immer wieder aus Schablonen ausbrechen lässt. Es geht um Handlungsempfehlungen für das Menschbleibenkönnen im Zeitalter der Algorithmisierung. Dafür ist freiliche eine neue Art von Medienkompetenz nötig, über die es nicht nur ausdauernd zu steiten gilt. Sie muss auch ständig trainiert werden. So früh wie möglich.

Um den Zufall mache ich mir jedenfalls keine Sorgen. Er muss auch nicht gerettet werden. Er wird es verstehen, uns immer aufs Neue mit Wendungen zu überraschen, die keiner vorhersehen konnte. Da bin ich mir sicher.

27. January 2011

"Klar machen, was auf uns zukommt"

Das Internet ist ein Index unserer Welt geworden. Die Logik der Suchmaschine ist deshalb so wichtig wie Wissen aus Biologie oder Geographie. Auch damit ich merke, wenn etwas schräg läuft. Das ist eine Frage der demokratischen Aufgeklärtheit.

 

19. April 2010

Links: Modelle und Simulationen dürfen Intuition und gesunden Menschenverstand nicht ersetzen

  • "Und dennoch ist ihr Protest gegen das Flugverbot ein Meilenstein in der soeben erst beginnenden Technologiekritik des digitalen Zeitalters, ein Kapitel in der Geschichte der systematischen Selbstentmächtigung der modernen Gesellschaft durch Modelle." Frank Schirrmacher nimmt die Kritik am Flugverbot anlässlich der isländischen Aschewolke zum Anlass, um nach Fakten zu suchen, die die Thesen seines Buchs "Payback" belegen - dass wir mehr und mehr zu Maschinensklaven mutieren, des eigenen Denkens nicht mehr fähig. Über die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten dessen, was man landläufig "gesunden Menschenverstand" nennt, wird noch häufiger zu diskutieren sein. Vor allem wenn es darum geht, prinzipiell Unentscheidbares dennoch richtig zu entscheiden. Schirrmachers Fazit ist allemal richtig: Das Denken muss Denken bleiben, es braucht "Instanzen des Einspruchs" gegen die Allmacht der Algorithmen. Und die gibt es in der Tat noch nicht ausreichend.
18. April 2010

Links: "Freiheit braucht Unsicherheit"

Am Rande der re:publica spricht Miriam Meckel über den Freiheitsbegriff in Zeiten, in denen durch das Internet und durch Computeralgorithmen vieles von dem berechnbar scheint, was als Freiraum stets als unverhandelbar galt. Die Medienprofessorin plädiert für eine intensive Diskussion dieser Spielräume - es muss verhandelt werden, ob der Verlust von Privatsphäre mehr Vorteile oder Nachteile mit sich bringt. Sehenswertes Video auf dctp.tv

7. February 2010

Links: Handlungsempfehlung für das Menschbleibenkönnen im Zeitalter der Algorithmisierung der Welt

Frank Schirrmacher am Rande des DLD im Gespräch mit Alexander Kluge. Ebenso eine Entdeckung für mich wie das Vlog von dctp.tv. Dieser harmlose Link zu carta.info auf das Gespräch der beiden ist möglicherweise einer der wichtigsten der letzten Monate, zumindest in meiner persönlichen Wahrnehmung. Weil es nicht um eine "0 oder 1"-Diskussion geht, sondern um den Versuch, die strukturellen Änderungen hinter dem zu fassen, was sich durch die Digitalisierung der Welt ergibt und den Versuch, daraus eine Handlungsempfehlung für das Menschbleibenkönnen abzuleiten: "Antworten geben auf die neue Welt der Algorithmen durch Erzählen". Siehe auch dieses Gespräch mit Alexander Kluge und der Redaktion von freitag.de:
28. November 2009

Links: Die eigene Müdigkeit verpackt als nachdenkliche Maschinenkritik

  • In seinem neuen Buch beklagt Frank Schirrmacher die Überforderung durch das Internet. Nun übt der Psychologe Peter Kruse heftige Kritik an den Thesen des Autors: "Herr Schirrmacher begeht in seinem Buch einen erstaunlichen Denkfehler durch die Einseitigkeit der von ihm gewählten Perspektive: Er betrachtet die digitale Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Person, die das Geschehen als distanzierter und bewertender Beobachter erlebt. Wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakophonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert und vielleicht sogar aggressiv belästigt. Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut." - Beitrag von Johannes Kuhn auf sueddeutsche.de