Hartmut Ulrich - Weblog

Hartmut Ulrich  //  Beim Sammeln entsteht ein Bild.

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18. May 2012

Drachmes Klagelied

"Wer will,
dass eine goldne Zeit zurückkehrt
sollte nicht vergessen
man musste damals Eicheln fressen."

Jetzt auf Deutsch erschienen: David Graeber "Schulden. Die ersten 5.000 Jahre". Ein kapitalismuskritisches Buch von einem der Initiatoren von Occupy Wall Street, gängigen Denkmuster-Schubladen zum Trotz jedoch keineswegs nur eine Leseempfehlung für politisch Linke.

20. March 2012

"Die Depressiven sind bei Facebook"

Großartiger Vortrag von Gunter Dueck über die Psychologie des Wandels. Vielsagender Titel: "Komfortzone Zukunft oder Wider die Gewöhnung". Besonders erhellend - oder besser erheiternd seine Analyse der unterschiedlichen Menschentypen, bei denen er Fritz Riemanns "Grundformen der Angst" zitiert: Auf der einen Seite will der Zwanghafte stets alles bewahren, während der Hysterische Typus permanent alles ändern will - beide Seiten stehen sich unvereinbar gegenüber ("Change Management ist nichts anderes als die Zwanghaften permanent zu dissen").

Lohnende 23 Minuten!

9. December 2011

Angst. Mut. Entwicklung. Zeit.

When you push to turn intellectual work into factory work (which means more showing up and more following instructions) you're racing to the bottom.

 

Arbeit   Mensch   Seth Godin   Wandel  
8. December 2011

Ich habe mich über das Internet kennengelernt

Das Internet, dieses vernetzte Gift gegen absolute Wahrheiten, treibt einen Wandel im Umgang mit eigenen Fehlern voran, der weit über die digitale Sphäre hinausgeht.
Sascha Lobo via spiegel.de

 

Internet   Mensch   Sascha Lobo   Wahrheit   Wandel  
28. November 2011

Transparenz bedeutet nicht Wahrheit

Die Leute werden sich an die Sichtbarkeit im Netz anpassen und bald lernen, immer schöne virtuelle Internet-Fassaden zu haben – so wie jetzt im Leben auch – mit Schminke und so weiter
Gunter Dueck via xethix.com

 

7. November 2011

Was passieren könnte...

...wenn intelligente Programme den Mensch ablösen. Spannende Diskussion auf DRadio Wissen mit Miriam Meckel, Sascha Lobo, Konrad Lischka und Torben Brodt. Sendung "Die Macht der Maschinen" vom 4.11., hier direkt anhörbar als Podcast. Übrigens gibt es auch eine einleitende Sendung: "Zukunft der Überwachung"

17. October 2011

Der Zufall ist nicht kleinzurechnen

Ein Leben ohne Zufall ist langweilig - tödlich langweilig. Da hat Miriam Meckel Recht mit dem Ausgangspunkt für ihr Manifest. Ohne den Zufall gäbe es nur Vorherseh- und -berechenbares. Es wäre das Ende aller Hoffnung. Dass das Leben durch die Algorithmisierung im Internet berechenbar, vorhersagbar und damit eindimensional wird, diese These halte ich allerdings für ziemlich plakativ. An etwas Ähnlichem hat sich bereits Frank Schirrmacher abgearbeitet.

Das Leben ist nicht so simpel, dass es sich durch Algorithmen einfach so in die Zange nehmen ließe. In der Physik zum Beispiel gibt es Objekte, die sich gerade dadurch verändern, dass man sie beobachtet: Das Spiel ändert sich durchs Spielen. Vielleicht verhält es sich mit dem Leben ja ähnlich: Beim Versuch, es in Muster zu pressen, ergeben sich sofort neue, überraschende Wendungen, auch mit Algorithmisierung - oder gerade wegen ihr. Das Spiel der Zukunft lässt sich nicht mit den Spielregeln aus der Vergangenheit beurteilen. Man merkt nur nicht gleich, dass es  bereits ein neues ist - und darin liegt wohl der größte Anlass für Irrtümer.

Was zum Beispiel gerade an den Finanzmärkten passiert, wird durch Algorithmen, wenn nicht ausgelöst, so doch derart verstärkt, dass es bereits heute zu massiven Systemverwerfungen führt, über kurz oder lang vielleicht sogar zum Systembruch. Durch den Computerhandel und die damit verbundenen Programme (Algorithmen!) wurden die Märkte nicht nur nicht berechen- und vorhersehbarer, sondern ganz im Gegenteil weitaus volatiler und unkalkulierbarer als je zuvor in ihrer Geschichte. So sehr, dass sich die Mächtigen der Welt nun den Vorwurf gefallen lassen müssen, ihnen sei die Kontrolle entglitten. Längst reagiert die Börse scheinbar losgelöst von Fundamentaldaten, längst ist sie Metapher für das Unkalkulierbare per se.

Dabei bilden auch Unternehmen und deren Wertpapiere so etwas wie Persönlichkeiten und eignen sich deshalb gar nicht so schlecht für den Vergleich mit dem Einzelnen. Algorithmen haben jedenfalls zum völligen Gegenteil der Berechenbarkeit von Unternehmen geführt: Die Komplexität scheinbarer oder echter Zusammenhänge ist so hoch, dass kein Mensch sagen kann, ob Kursschwankungen die Folge unzähliger Einzeleffekte sind oder ob sie rein zufällig entstehen - übrigens einer der ältesten Streits an der Börse, zwischen den Glaubensrichtungen der Charttechniker und Fundamentaldatenapostel. Durch den Versuch von mehr Berechenbarkeit entsteht - das Gegenteil.

Aber zurück zum Menschen und dem, was Algorithmen mit seiner Persönlichkeit anzurichten drohen: In dem Moment, in dem der Einzelne bemerkt, dass Maschinen ihn in Schablonen zu pressen versuchen, kann er das Spiel beeinflussen. Ohnehin "funktioniert" der Mensch seit jeher nur sehr schlecht in Modellen und Simulationen: Er verhält sich einfach nicht so, wie er soll. Kaum glaubt die Suchmaschine ihn zu kennen, wird er plötzlich ein anderer. Interessiert sich für anderes. Tut Widersprüchliches. Frechheit! Für die Wirtschaftswissenschaften ist dieses scheinbar Irrationale ein zentraler Zankapfel, Anlass für "behavioral economy" und "behavioral finance", Forschungszweige, die genau diese menschliche Irrationalität näher untersuchen sollen.

Einflussnahme auf das Spiel kann freilich nichts mit Verweigerung oder Funkstille zu tun haben, sondern ganz im Gegenteil mit Bewusstmachen, mit Auseinandersetzung, mit Aktion. Für mich geht es dabei um die einzigartige Fähigkeit des Menschen, die ihn wohl auch in Zukunft jeder Maschine überlegen macht: Um Intuition, um jenen "gesunden Menschenverstand", der ihn immer wieder aus Schablonen ausbrechen lässt. Es geht um Handlungsempfehlungen für das Menschbleibenkönnen im Zeitalter der Algorithmisierung. Dafür ist freiliche eine neue Art von Medienkompetenz nötig, über die es nicht nur ausdauernd zu steiten gilt. Sie muss auch ständig trainiert werden. So früh wie möglich.

Um den Zufall mache ich mir jedenfalls keine Sorgen. Er muss auch nicht gerettet werden. Er wird es verstehen, uns immer aufs Neue mit Wendungen zu überraschen, die keiner vorhersehen konnte. Da bin ich mir sicher.

23. August 2011

Kompensationsradeln

Am Morgen auf dem Radweg lässt sich ja einiges lernen über den Zustand der Menschheit. Oberhemdenträger beispielsweise, die ihr Kleidungsstück bevorzugt unter einen zu eng geschnallten Gürtel in die Hose quetschen, neigen auf dem Rad überdurchschnittlich stark zu kompetitivem Ausleben unerfüllter Karrierewünsche.Von hinten klingeln sie den gemütlich und oft etwas verträumt vor sich hin Radelnden (mich) aggressiv zur Seite, und wer nicht gleich ausweicht, hat einen echten Armstrong am Hinterrad, pardon Armleuchter. Oder so ähnlich.

Als hätten Trittfrequenz und Überholgeschwindigkeit unmittelbare Auswirkungen aufs Gehalt. Als säße ihnen ein imaginärer Vorgesetzter im Nacken, der auch den Weg zur Arbeit in die Scorecard für Leistungswillen und Durchsetzungsfähigkeit mit einfließen lässt. Vielleicht ist es aber auch reine Taktik: Möglicherweise liegen der Praxis, schon früh am Morgen mit nassen Flecken unter den Achseln und leicht streng riechend im Büro zu sitzen, ja Überlegungen zugrunde, die sich mir im Laufe meines beruflichen Werdegangs einfach noch nicht erschlossen haben. Dabei ist noch gar nichts über die Psychologie des Fahrradhelmträgers gesagt. Oder über terroristisches Radeln in Gegenrichtung. Oder über Kinderanhängerkampfradlerinnen.

Arbeit   Leben   Mensch   Psychologie  
31. July 2011

Die Wellentheorie des Ich

Die Entwicklung des Wesens scheint mir der Physik des Lichts nicht unähnlich: Licht lässt sich mit zwei Theorien beschreiben, mit der Wellentheorie genauso wie mit Lichtquanten. Auch die Persönlichkeit scheint solch einem seltsamen Dualismus zu folgen. Entwicklung findet nie linear statt, sondern fast immer in Sprüngen, zumindest was die fundamentalen Wesenszüge betrifft. Sie scheinen über Nacht anzukommen, und am nächsten Morgen ist alles anders. Man weiß plötzlich, nachdem sich vielleicht über Monate scheinbar nichts bewegt und entwickelt hat. 

Gleichzeitig verändert sich das eigene Wesen aber auch mit jedem Mosaiksteinchen, das die Sinne verarbeiten, eben keineswegs in Sprüngen, sondern ganz im Gegenteil eher so, wie sich ein Glas füllt, Tropfen für Tropfen, eine unendliche Summe. Möglicherweise ist es längst Zeit für ein nächstes Level, das Glas schon viel voller als es überhaupt sein kann, doch der eigentliche Sprung ist noch nicht vollzogen. Dieser Dualismus ist nicht ungefährlich: Allzu leicht verheddert man sich in oberflächlichen Symptomen und verliert aus den Augen, dass der Sprung noch aussteht. Kann man zehn Jahre Tropfen sammeln, ohne einen solchen Bruch?

28. March 2011

Die Logik des Misslingens: Das Scheitern des Menschen an der Komplexität

„Dass man mit den besten Absichten schlimme Folgen produzieren kann, bedeutet ja, dass man nur über ungenügende Einsichten in die herrschenden Verhältnisse verfügt"

Wie konnte es zum Unfall in Chernobyl kommen? Warum kann unvernetzt praktizierter Umweltschutz mehr schaden als gar kein Systemeingriff? Warum führen dogmatische Weltbilder in dynamischen Systemen zu verschobener Realitätswahrnehmung? Und was ist so tröstlich an Verschwörungstheorien?

Dietrich Dörner, Professor in Bamberg am Institut für Theoretische Physik, hat sich 1989 in seinem Buch "Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen" mit der Frage befasst, warum die Komplexität der Welt den Menschen regelmäßig überfordert. Vor allem, wenn unter Zeitdruck richtig entschieden werden muss, wenn es gilt, Entwicklungen über sehr lange Zeiträume oder sehr unwahrscheinliche Ereignisse richtig zu beurteilen, neigt der Mensch zu fatalen Fehleinschätzungen - mit weit reichenden Folgen. Das Buch entstand kurz nach dem Atomunfall in der Ukraine und ist heute lesenswerter denn je.