Hartmut Ulrich - Weblog

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3. May 2010

"Wir wurden, auf den Barrikaden der Revolution, als Reaktionäre entlarvt."

Wie gehabt agieren das Kapital und seine Kritik nicht im selben Medium: Das Kapital liest und schreibt Keywords, seine Kritik produziert Sprache. Und wie gehabt ist das ein Grund zur Klage, aber keiner zur Verzweiflung: Niemand stört uns, hier am Rand, wir sind erkannt als ungefährlich, viel mehr: als nützliche Lieferanten von Diversität. Wir dürfen gerne Ästheten sein, die Geschichte allerdings findet ohne uns statt. Sie wälzt sich weiter, wieder, unbewusst dahin, auch in unserer neuen digitalen Lebensform. Einen bürgerlichen Menschen, einen Menschen also, dessen Ideen geschichtswirksam wären, einen Bourgeois oder Sozialisten, wird es auch im Netz nicht mehr geben. Wir kämpfen nicht mehr für die Menschheit, sondern weiter ums Überleben der uns einenden und an die Ränder drängenden Sache: Des Bewusstseins, also: Der Fähigkeit, wahrzunehmen, was wir nicht brauchen.

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23. April 2010

mlrm » Er wurde lebhaft

Ich erinnere mich nicht, in welchem Jahr ich ihn an jenem Winterabend in Moskau gesehen habe. Worüber wir gesprochen haben, weiß ich auch nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch, dass er mich während dieses kurzen Gesprächs fragte, ob ich an etwas schreibe. Ich antwortete:
Nein, Lew Nikolajewitsch, ich schreibe kaum. Und an alles, was ich früher geschrieben habe, möchte ich lieber gar nicht denken.
Er wurde lebhaft:
Ach, ja, ja, das kenne ich sehr gut!
Und es gibt auch nichts zu schreiben, – setzte ich hinzu.
Er sah mich irgendwie unschlüssig an, dann schien ihm etwas in den Sinn zu kommen.
Wie ist das möglich? fragte er. Wenn es nichts gibt, dann schreiben Sie, dass es nichts gibt und warum es nichts gibt. Denken Sie nach, warum Sie nichts zu schreiben haben, und dann schreiben Sie. Ja, ja, versuchen Sie es, sagte er fest.

[Ivan Bunin über ein Treffen mit Tolstoi, abgedruckt in der FAZ vom 20.3.10]

Link | 24. 03.2010 |  

27. February 2010

"Cloudwriting": Über einen intellektuellen Klimawandel, der sich vor allem am Schreiben zeigt.

"Was ist das eigentlich - Text im Web? (...) Schreiben im Web hat nichts mehr zu tun mit Büchern, Aufsätzen, mit virtuellem Papier. Das sind Phantome, die wir als Hilfskonstruktionen mitschleifen (...) Eine unabsehbare globale Wolke aus immer kleineren digitalen Textstücken, die immer schneller zirkulieren, durch die Grenzen der indviduellen Bewusstseine hindurch. Ein intellektueller Klimawandel: Der Golfstrom verlagert sich, Gletscher schmelzen, Wüsten breiten sich aus, Katastrophen nehmen zu. Kreaturen werden aus dem gewohnten Lebensraum vertrieben." Bemerkenswerter, philosophisch angehauchter Text von Martin Lindner über das sich verändernde Wesen des Schreibens - keineswegs zu verwechseln mit einem technischen Stück über Collaboration in der Cloud.